Trinkgeld für die digitale Kaffeekasse

von Christiane Hawranek
4. Juni 2010 - 14:46 Uhr

Noch spielen nur wenige Blogs Geld ein. Auch die Bezahldienste Flattr und Kachingle bringen nur Centbeträge. Doch die Zahl der Internetseiten, die die Online-Spendenbüchsen nutzen, wächst und wächst.

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Noch spielen nur wenige Blogs Geld ein. Auch die Bezahldienste Flattr und Kachingle bringen nur Centbeträge. Doch die Zahl der Internetseiten, die die Online-Spendenbüchsen nutzen, wächst und wächst.

Als Cynthia Typaldos erfährt, dass ihre beste Freundin einen Hirntumor hat, surft sie nächtelang im Internet. Sie möchte alles über die Krankheit herausfinden: Heilungschancen, Therapien, Spezialkliniken. Die Web-Unternehmerin schickt ihrer Freundin ein Dossier. Danach möchte sie den Bloggern und Forenbetreibern als Dank für die vielen Informationen ein paar Dollar spenden. Aber sie weiß gar nicht mehr, welche Seiten sie besucht hat und deren Kontonummer kennt sie auch nicht. „Es sollte ein Bezahlsystem für nützliche Internetseiten geben“, überlegt die Web-Unternehmerin aus Mountain View in Kalifornien.

Kachingler lassen die Online-Spendenbüchse klingeln

Das war 2003. Die Idee für ein Mikrobezahlsystem hat die 59-jährige Cynthia Typaldos mittlerweile verwirklicht. Mit einem Klick auf den Kachingle-Button befüllen die Leser die virtuelle Spendenbüchse. Sie zahlen monatlich einen festen Betrag, zum Beispiel fünf Dollar, den Kachingle an die Websites verteilt, auf denen der „Kachingler“ am liebsten surft. Der Name „Kachingle“ ist eine Mischung aus den Geräuschen „Ka-ching“ wie bei einer alten Registerkasse und „Jingle“ – wie beim Schütteln eines Sacks voller Münzen.

Zwei Mikro-Bezahldienste auf dem Markt

Säckeweise Geld hat Kachingle bisher allerdings noch keinem Blogger beschert. Doch die Web-Community hofft, dass sich das bald ändern könnte. Neben Kachingle aus Kalifornien ist vor kurzem noch ein weiterer, ganz ähnlichen Micropayment-Dienst aus Schweden im Netz gestartet: Flattr. Peter Sunde (31), Mitbegründer der schwedischen Filesharing-Börse The Pirate Bay, hat seine Idee auf der Social Media-Konferenz Republica in Berlin vorgestellt.

Der Freitag und die taz flattrn

Obwohl sich Flattr noch in der Beta-Phase befindet – mitmachen kann nur, wer von den Betreibern oder anderen Mitgliedern eingeladen wird –  probieren immer mehr Blogger und neuerdings auch journalistische Seiten wie der Freitag und die taz den grün-orangefarbenen Spendenknopf aus.

Centbeträge in der Flattr-Kasse seien erst der Anfang, so erklärt es Peter Sunde in blumigen Worten: „Aus vielen kleinen Bächen wird ein großer Strom.“ Es gebe ein großes Problem im Netz, sagt er via Youtube. Viele wollen ihre Liebe für Musiker, Fotografen, Blogger und Podcaster zeigen und wissen nicht wie. Dank Flattr funktioniert das jetzt so: Tausche Liebe in Form von Geld gegen die Inhalte, die es sowieso kostenlos im Netz gibt. „Wenn du eine Geburtstagstorte hast, möchtest du doch auch Stücke an diejenigen geben, die du magst“, sagt Peter Sunde – und so teilen sich die Geldstücke per Klick auf die einzelnen Lieblingsartikel. Am Ende des Monats erfährt dann der Blogger, den den Button installiert hat, wie groß die jeweiligen Kuchenstücke sind – sie können jeweils nur einen halben Cent wert sein, aber auch 100 Euro. Kachingle dagegen finanziert keine einzelnen Artikel, sondern ganze Blogs und Forenseiten.

taz: Bloß keine Bezahlschranken!

Mathias Bröckers, Entwicklungsredakteur bei taz.de, testet Flattr seit Mitte Mai. Ein Plus von 143,55 Euro prangt auf der ersten Abrechnung – gar nicht schlecht in 12 Tagen, findet Bröckers: „taz.de könnte ohne die gedruckte taz nicht existieren, deshalb halte ich Mikrobezahldienste für sehr zukunftsträchtig.“ Und so wie die FAZ Bezahlschranken einzubauen – nach dem Motto „wir zeigen nur drei Zeilen und entweder du zahlst zwei Euro oder du klickst dich weg“, davon hält die taz-Redaktion gar nichts.

Flattrn ist wie Trinkgeld spenden

„Es geht darum, freiwillig einen kleinen Obulus für die Artikel zu spenden, die mir gefallen“, sagt Bröckers, der auch privat via Flattr Centbeträge auf Blogartikel verteilt. Flattrn ist für ihn wie Trinkgeld an eine freundliche Bedienung zu zahlen, als kleine Anerkennung. Der Markenname „Flattr“ setzt sich nicht umsonst zusammen als „to flatter“, auf Deutsch „umgarnen, schmeicheln“ und Flatrate.

Zehn Prozent des Umsatzes bleiben dabei beim Anbieter Flattr, „ein fairer Betrag“, findet der taz-Redakteur. Er hofft: In einem halben Jahr könnte sich die Flattr-Community so stark vergrößert haben, dass aus dem großen Strom der Spenden tausende von Euro in die taz-Online-Redaktion fließen. „Mehr als 100 bis 200 Euro bekommt man pro Artikel ja auch nicht in der Print-taz – und wenn irgendwann einem so viel Geld zugeflattrt wird, wäre das doch großartig.“

Einige Blogger fahren zweigleisig

Markus Beckedahl, Betreiber von netzpolitik.org, sieht die Zukunftschancen von Flattr etwas zurückhaltender: „Ob Flattr jemals die kritische Masse erreichen wird, um einem Blog auch ausreichend Einkünfte zu bieten, wird sich noch zeigen“, meint er. Doch in Zeiten, in denen Daten im Netz kostenlos kopiert werden können, sei Flattr die derzeit überzeugendste Möglichkeit, die Urheber zu unterstützen. Deshalb hat auch er den Button unter die Netzpolitk.org-Artikel gesetzt, genauso wie die Betreiber des Blogs Spreeblick aus Berlin oder des Würzblogs aus Würzburg. Viele Blogger fahren auch zweigleisig: Bei Carta.info, dem bisher deutschlandweit erfolgreichsten Kachingle-Nutzer, können die Leser sowohl kachingeln als auch flattrn.

Bezahlbuttons – nur was für Nerds?

Allerdings seien Mikrobezahldienste momentan eher bei „Nerds“ bekannt – „das ist noch eine winzige Community von Leuten, die überhaupt wissen, dass es so etwas gibt“, sagt taz-Redakteur Mathias Bröckers. Wer nach Informationen über die Bezahldienste sucht stößt, immer wieder auf die gleichen Namen. Das virtuelle Institut für Kommunikation in sozialen Medien ikosom zum Beispiel hat sich auf das sich auf das Thema „social payment“ spezialisiert. Einer der beiden Gründer, Jörg Reschke, tingelt zurzeit zusammen mit Cynthia Typaldos durch Deutschland, die Schweiz und Österreich, um Kachingle zu promoten. Der zweite ikosom-Betreiber hat Kachingle bei seinem Arbeitgeber, der Internetseite der SPD-Traditionszeitung „Vorwärts“ installiert.

Cynthia Typaldos Zukunfts-Vision

In Zukunft, so die Vision von Cynthia Typaldos, gehört das Kachingeln genauso zur Web-Identität wie der Account bei Facebook oder Twitter. In den sozialen Netzwerken sollen die Kachingler künftig ihre Lieblings-Blogs preisgeben – also diejenigen, für die sie am meisten Geld spenden.

Bisher kommen etwa ein Drittel aller kachingelten Internetseiten aus Deutschland. Woran das liegt? Cynthia Typaldos hat das Gefühl, dass Kachingle zur Mentalität der Deutschen passt – sie würden es schätzen, jemandem etwas zurückzugeben. „Als ich mich das erste Mal mit einem der Deutschen in meinem Entwicklerteam über Kachingle unterhalten hatte, war es nicht nur die Technologie, die ihn interessierte, sondern das ganze Konzept – vor allem der soziale Aspekt.“ In den USA dagegen sei sie immer nur gefragt worden, wie viel Geld man damit verdienen kann. „Wieso sollte jemand für etwas zahlen, das kostenlos ist? Das ist die dümmste Idee, die ich je gehört habe“, waren die Reaktionen. Die jungen Leute, sagt Cynthia Typaldos, lesen ja sowieso keine traditionellen Zeitungen mehr – warum also sollten sie nicht ein paar Euro im Monat in die virtuelle Kaffeekasse werfen, anstatt sie am Zeitungskiosk zu investieren.

Mehr im Web:

G! Gutjahr´s Blog: Haste mal nen Cent? Der Blogger und TV-Journalist Richard Gutjahr probiert Flattr und Kachingle aus

FAZ.net: Flattr und die Ökonomie des Kontrollverlusts

taz.de: Erstes Geld von Flattr

Carta.info: Flattr – die erste Abrechnung

Vorwaerts.de: Die ersten Erfahrungen mit Flattr und Kachingle

Institut für Kommunikation in sozialen Medien: Flattr und Kachingle – eine kritische Bestandsaufnahme des Marktes

Mehr über Flattr:

Youtube: This is Flattr (Video, 1:43 Minuten)

Flattr-Gründer Peter Sundes Blog: Copy me happy

Youtube: Peter Sunde auf der Republica (Video, 31:09 Minuten)

Mehr über Kachingle:

Youtube: Kachingling 101 (Video, 3:41 Minuten)

Die deutsche Kachingle-Seite: So funktioniert Kachingle

Media Digital: „Eine neue soziale Bewegung – Interview mit Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos“

Medien-Ökonomie-Blog: Baustein in der Online-Identität – Interview mit Cynthia Typaldos von Kachingle

Mehr auf Einloggen13:

Interview mit Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos: “In den USA dreht sich alles um Geld, Geld, Geld”

Ressort: Marke

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